Es gibt kein richtiges Gendern

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Auch kleine Eingriffe im Sinne der „geschlechtergerechten Sprache“ sind zerstörerisch.
Dennoch betonen Politik und manche Linguisten, das Gendern sei unaufhaltsam und notwendig.
So ist die Sprachgemeinschaft schon mal überrumpelt worden – mit katastrophalem Ergebnis.

An der Genderfrage scheiden sich nicht nur die Geister, sie hat sich längst zum Lackmustest politisch „korrekter“ Gesinnung entwickelt – und all dessen, was man für fortschrittlich, aufgeklärt, modern oder zeitgemäß zu halten geneigt ist. Eine kleine, gut vernetzte und organisierte Schar von Aktivisten gibt die Tonlage vor (der leider auch manche Hochschullehrer den akademischen Segen erteilen), übermotivierte Medienvertreter, notorisch überforderte Politiker und eine verunsicherte Öffentlichkeit bilden das Echo, den Rest erledigt der Zeitgeist. Inzwischen dient sich selbst die Wirtschaft dem allgemeinen Trend an – nicht weil sie von der Sache überzeugt wäre, sondern weil sie Nachteile befürchtet, täte sie es nicht. (Die umgekehrte Sorge, dass sie gerade deshalb Kunden verlieren könnte, weil sie es tut, scheint sie dagegen nicht zu haben.)

Vor wenigen Tagen hat sich nun der Erlanger Sprachwissenschaftler Horst Haider Munske, sonst eher für seine zurückhaltende bis kritisch-distanzierte Haltung bekannt, an dieser Stelle gleich mit zwei Artikeln auf einmal zu Wort gemeldet (Feuilleton der WELT vom 22. Juni 2021), die ihrerseits zu Rückfragen Anlass geben. Unter der Überschrift „Wo Gendern funktioniert – und wo es Unfug ist“ nimmt er eine überraschend kompromissbereite Position ein, indem er Bereiche, in denen gendergerechte Bezeichnungen vertretbar erscheinen, von solchen abgrenzt, in denen sie aus sprachwissenschaftlicher Sicht nicht zu tolerieren sind, weil sie massive und willkürliche Eingriffe ins deutsche Sprach- und Schriftsystem darstellen. Letzteres betrifft orthografische Kreationen wie Genderstern und Binnen-I oder die Aufhebung der grammatischen Kongruenz durch Ausrichtung von Pronomen am natürlichen Geschlecht („jeder und jede“) und vieles andere mehr.

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Zu Recht weist Munske auch das aus Unkenntnis oder in bewusster Irreführung immer wieder vorgebrachte Argument zurück, die derzeitigen Gendereingriffe seien Teil des natürlichen Sprachwandels, der immer passiere, und macht deutlich, dass schnelle Wandlungsprozesse vornehmlich in der Lexik stattfinden, während die Grammatik ein vergleichsweise stabiles System ist und sich nur in viel größeren Zeiträumen verändert.

Wenn der Autor dann aber schreibt: „Die Movierung von maskulinen Personenbezeichnungen mit dem Suffix -in ist das einfachste Mittel, der Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit nachzukommen. Das hat sich in kurzer Zeit allgemein durchgesetzt, von der ‚Beamtin‘ bis zur ‚Bundeskanzlerin‘“, dann fragt man sich doch, ob er da wirklich aus Überzeugung spricht oder nur flexibel erscheinen möchte.

Bezeichnungen wie „Beamtin“, „Lehrerin“, „Richterin“ oder auch „Bundeskanzlerin“ sind in Gebrauch, seit es Frauen in diesen Berufen gibt. Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, ob man noch und weiterhin bereit ist, zwischen der konkreten Person und der abstrakten Amts- oder Funktionsbezeichnung zu unterscheiden und dafür unterschiedliche Benennungen zu akzeptieren, oder ob man reflexhaft die weibliche Form einfordert, sobald sie existiert – oder sie sogar bildet, wo es sie eigentlich nicht gibt.

Die ständige Beschwörung wirkt

In großen Teilen der Öffentlichkeit und der Leitmedien scheint an dieser Stelle die Bereitschaft zur Differenzierung rapide abzunehmen. Grund ist ein diffuses und ständig befeuertes Gefühl, dass doch nicht falsch sein kann, was permanent beschworen wird. Wie sonst könnten sich solche Kapriolen in der Alltagssprache dermaßen breitmachen, wie es gerade geschieht? Was soll man davon halten, wenn selbst etablierte Institutionen und Berufsverbände sich reihenweise umbenennen: „Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband“, „Schweizerischer Mieterinnen- und Mieterverband“, „Deutsches Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt“, oder wenn die Deutsche Bahn sich selbstgefällig als „ArbeitgeberIn“ bezeichnet?

Gestanzte Formulierungen wie „Hörerinnen- und Hörertelefon“, Sätze wie „Jeder und jede ist aufgefordert mitzumachen“ oder „Niemand kann sicher sein, dass er oder sie nicht ausspioniert wird“ gehen den Moderatoren inzwischen wie Honig über die Lippen. Eine prominente Theologin, „Vorständin“ der Heinrich-Böll-Stiftung, bekannte kürzlich in einem Interview völlig ungeniert: „Ich bin jemand, die ganz verschiedene Vorbilderinnen hat.“ Und dann wunderte sie sich, „wie manipulierbar jemand ist in seiner oder ihrer Überzeugung“.

Wenn’s mit den ständigen Doppelnennungen langweilig wird, dürfen die Formen auch gerne mal gemischt werden: „Hörer und Zuschauerinnen“ werden informiert, „Ärztinnen und Pfleger“ demonstrieren, „Schülerinnen und Lehrer“ diskutieren und so weiter und so fort. Keiner kann mehr ganz sicher sein, was gemeint ist. Es ist zum Weglaufen!

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Dabei ist die Sache so einfach: Wenn ich krank bin, gehe ich zum Arzt. Sollte mein Arzt eine Ärztin sein, werde ich anschließend mit einiger Wahrscheinlichkeit sagen: Meine Ärztin hat mir empfohlen… In dem Fall beziehe ich mich auf die konkrete Person. Ich kann aber ebenso gut beim generischen Maskulinum bleiben und formulieren: Mein Arzt ist der Meinung, dass…, dann lege ich den Akzent auf den Mediziner als solchen. Beides ist korrekt, nichts daran ist zu beanstanden.

Unangenehm belehrend und rechthaberisch wirkt es dagegen, wenn der kleine, aber entscheidende semantische Unterschied weggewischt wird, weil unter der ideologischen Brille nicht sein kann, was nicht sein darf. Regelrecht falsch wird es, wenn auch das Abstraktum gegendert wird, also etwa eine Medizinerin ihre Fachärztinnenausbildung absolviert, die Chefsache zur „Chefinnensache“ wird oder der RBB zum Weltfrauentag fordert, „mehr Frauen in Entscheiderinnenpositionen“ zu bringen; und einer Kandidatin, die sich explizit ums „Bundeskanzlerinnenamt“ bewirbt, möchte man die Eignung fürs Bundeskanzleramt auch noch nicht attestieren.

Nun hat Horst Haider Munske sich über das „Kanzlerinnenamt“ an anderer Stelle (Infobrief des VdS, 23. Mai 2021) auch schon beklagt und den „methodischen Rigorismus“ gerügt, der darin zum Ausdruck kommt. Aber weshalb muss man dann immer noch seine Solidarität bekunden und Brücken bauen, wenn sie doch nur in vermintes Gelände führen?

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Der zweite Artikel, eigentlich nur ein kurzes Statement unter der Überschrift „Natürlich ist das, was die Agenturen tun, Gendern – und es ist gut“, bezieht sich auf eine jüngst getroffene Vereinbarung von acht deutschen Nachrichtenagenturen über die Verwendung „diskriminierungssensibler Formulierungen“, in der es unter anderem heißt: „Das generische Maskulinum wird in kompakter Nachrichtensprache noch vielfach verwendet, soll aber schrittweise zurückgedrängt werden, wo dies mit stilistischen Alternativen machbar ist.“ Genderstern und Binnen-I gehören – vorerst – noch nicht zu den stilistischen Alternativen. Allein das ist für Munske offenbar Anlass genug für eine aus seiner Feder geradezu irritierende Solidaritätsadresse an die Agenturen, die er für ihre maßvolle und weitsichtige Entscheidung glaubt loben zu müssen.

Aber ist das ein Grund für Komplimente („Chapeau!“), wenn ausgerechnet Presseorgane die Instrumente präziser, informativ verdichteter Sprache wegwerfen und stattdessen all die unleserlichen Umständlichkeiten, Redundanzen, Doppelformen oder neutralen Ausweichformulierungen (darunter der inflationäre Gebrauch von Partizipien: Hörende, Lesende, Laufende, Radfahrende) einfordern und gleichsam sanktionieren?! Einen Tag zuvor noch hatte WELT-Chefreporterin Anna Schneider die Agenturen scharf für ihre Entscheidung kritisiert und von einem „Tiefpunkt des Journalismus“ gesprochen. Das zeugt von Mut und Haltung.

Im Ansatz falsch, nicht in der Durchführung

Es muss aufhören, dass man den Leuten ständig suggeriert, mit der Verwendung des generischen Maskulinums verhielten sie sich unkorrekt, unsolidarisch oder nicht hinreichend sensibel. Das ist ausgemachter Unfug. Und aufhören müssen auch die halbherzig-verschämten Zugeständnisse an den Zeitgeist. Die demonstrative Distanzierung vom generischen Maskulinum ist im Ansatz falsch, nicht in der Durchführung. Dass die uralte grammatische Erscheinung auf einer einseitig maskulinen Perspektive beruhe oder gar Ausdruck einer misogynen Grundhaltung sei, lässt sich weder sprachhistorisch noch sprachsystematisch begründen.

Die Genderlobby argumentiert denn auch durchgehend mit dem programmatischen Ziel der „Sichtbarmachung“ der Frau – während sie gleichzeitig das grammatische Genus wegdiskutiert und durch ein sogenanntes „soziales Geschlecht“ zu ersetzen versucht. Gemeint ist damit eine stillschweigend internalisierte Geschlechterrolle, ein klischeehaftes gedankliches Stereotyp also, in dem sich eine überkommene Gesellschaftsordnung mit ihrer asymmetrischen Machtverteilung angeblich immer noch fortschreibt. Methodisch ist das alles mehr als fragwürdig; und die empirischen Erhebungen, die das beweisen sollen, werden in Fachkreisen längst heftig angezweifelt.

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In der Bevölkerung wächst derweil der Unmut über solche Verrenkungen; er ist berechtigt und mit Händen zu greifen. Die Empörung bleibt jedoch wirkungs- und chancenlos, solange sie keine kraftvolle, vor allem aber kompetente Unterstützung durch die Politik bekommt. Die lässt aber sehr zu wünschen übrig; und wenn sich einzelne Parlamentarier des Themas annehmen, dann meist mit schiefen Argumenten („Haben wir keine anderen Sorgen?“) oder einem falschen Zungenschlag („Wer sich dem Gendern verweigert, weckt auch sonst Zweifel an seiner Gesinnung“). Kein Wunder, dass eine listig-lauernde Partei wie die AfD da gerne in die Bresche springt und sich als Stimme des Volkes feiert – aber das macht einen sachlich begründeten Einwand noch nicht unbrauchbar.

Es spricht im Übrigen Bände, wenn der gleichsam von Amts wegen „oberste Linguist“ des Landes, der Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache, Henning Lobin, in seinem neuesten Buch „Sprachkampf. Wie die Neue Rechte die deutsche Sprache instrumentalisiert‘“ den Feldzug gegen das generische Maskulinum als Widerstand gegen die AfD inszeniert. Da ist dem einen recht, was dem andern billig ist. Wenn so die argumentativen Fronten verlaufen, dann muss man über Fake News und alternative Fakten kein Wort mehr verlieren.

Ein demokratisches Gemeinwesen, das funktionieren soll, braucht nicht nur aufgeklärte und mündige Bürger, sie müssen auch über eine hohe Sprachkompetenz verfügen. Die zeigt sich in der Fähigkeit, auch schwierige Sachverhalte sprachlich zu erfassen, klar und strukturiert zu denken und zu formulieren und dasjenige, was gesagt werden soll, möglichst präzise auf den Punkt zu bringen. Den gesellschaftlichen Wert einer guten und fundierten Sprachausbildung kann man gar nicht hoch genug einschätzen; wer hier Defizite hat, wird sich in einer zunehmend komplexer werdenden Welt auf die Dauer nicht behaupten.

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Wenn aber gerade jungen Menschen permanent der Eindruck vermittelt wird, sprachliche „Sensibilität“ zeige sich vor allem in einem möglichst offensiven und konsequenten Gendern statt in korrekter Grammatik, einer leistungsfähigen Syntax und einem reichen Vokabular, ist das auf die Dauer verheerend. Es verschiebt vollkommen den Maßstab. Was wir derzeit erleben, ist nicht die gezielte Förderung von Sprachkompetenz, sondern ein absurder Überbietungswettbewerb im Gebrauch politisch „korrekter“ Sprechblasen. Wenn die politisch Verantwortlichen das nicht allmählich erkennen und entschlossen gegensteuern, sägen wir den Ast ab, auf dem wir sitzen.

Am Beginn seines kurzen Artikels erwähnt Munske wie beiläufig die Rechtschreibreform, die vor genau 25 Jahren in Kraft getreten ist. Das ist kein Zufall. Munske selbst hat über zehn Jahre dem Rat für deutsche Rechtschreibung angehört und sich in der Zeit vom engagierten Befürworter zum erbitterten Gegner dieser sogenannten Reform gewandelt, bis er 1997 völlig desillusioniert ausgetreten ist. Er kennt also die dubiosen Entscheidungsprozesse, die zur staatlich sanktionierten Durchsetzung der neuen Orthografie gegen alle Widerstände geführt haben, und zitiert jetzt den späteren Ratsvorsitzenden Zehetmair mit den Worten: „Nie wieder eine politisch verordnete Reform!“ Dann fügt er noch hinzu: „Klugerweise hat der Rat sich in seinen bisherigen Stellungnahmen herausgehalten. Das spricht dafür, die Sache der Sprachgemeinschaft zu überlassen.“

Das ist ein merkwürdiger Kurzschluss. Der Rat ist allein für die Orthografie zuständig, und in der Tat hat er Genderstern und Binnengroßschreibung (bislang) noch nicht akzeptiert. Die beunruhigende Parallele zur Rechtschreibreform besteht aber darin, dass gerade wieder dieselbe manipulative Überrumplung der Sprachgemeinschaft stattfindet wie damals und dass die Kultusbürokratie erneut Millionenbeträge ausgibt, um in öffentlichen Institutionen Vorschriften zu erlassen, die die Sprachgemeinschaft weder hervorgebracht hat noch versteht oder zu akzeptieren bereit ist. Lehren aus der Vergangenheit sehen anders aus!

Nikolaus Lohse ist Literatur- und Sprachwissenschaftler und arbeitet als Lexikograf im Bereich der historischen Wortforschung an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

P.S.:  Wer suchet, der findet!
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