Hannes Androsch: „Denkmalstürmerei setzt Denken außer Kraft“

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Hannes Androsch, größter privater Unterstützer der österreichischen Geschichtsforschung, über „historische Fremdkränkung“, „Fluchtbewegungen in die Vergangenheit“, Tugendterror an Stelle nüchterner Geschichtsbetrachtung und warum die Lösung im Streit um das Lueger-Denkmal seit 1919 auf dem Tisch liegt.

Hannes Androsch, größter privater Unterstützer der österreichischen Geschichtsforschung, über „historische Fremdkränkung“, „Fluchtbewegungen in die Vergangenheit“, Tugendterror an Stelle nüchterner Geschichtsbetrachtung und warum die Lösung im Streit um das Lueger-Denkmal seit 1919 auf dem Tisch liegt.

„Denkmalstürmerei setzt Denken außer Kraft“

Man kennt ihn als Österreichs einst jüngsten Finanzminister, Vizekanzler, als international erfolgreichen Unternehmer und Industriellen. Weniger bekannt ist Hannes Androschs große Unterstützung für die österreichische Geschichtsforschung. Bei der Akademie der Wissenschaften hat er die bedeutendste von privater Hand getragene, gemeinnützige Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Forschung eingerichtet (dotiert mit 10 Millionen Euro). Zusätzlich vernetzt Hannes Androsch Historiker und Wissenschafter, ermöglicht Publikationen, finanziert Dissertationen und springt regelmäßig als Organisator von Ausstellungen und Herausgeber ein – wie beim 100. Geburtstag der Republik im Jahr 2018.

Herr Dr. Androsch, woher kommt Ihr Interesse an Geschichte?
Ganz einfach: Wer nicht weiß, woher er kommt, weiß auch nicht, wohin er geht. Ein italienisches Sprichwort lautet: „Der Kluge horcht in die Vergangenheit, denkt an die Zukunft und handelt in der Gegenwart.“

Wie soll ein sachlicher Umgang mit Geschichte aussehen? Nehmen wir z. B. die Diskussion rund um das Lueger-Denkmal in Wien.
Zuerst einmal rate ich, sich mit der historischen Gestalt Karl Lueger, vor allem mit seiner Propaganda, ernsthaft auseinanderzusetzen. Dann merkt man nämlich schnell, wie sehr wir heute noch Luegers Propaganda aufsitzen – ohne dass es den meisten bewusst ist. Bürgermeister Lueger hat es nämlich geschafft, einen anderen, sehr bedeutenden Wiener Bürgermeister völlig ins Dunkel der Geschichte zu drängen.

Wen meinen Sie?
Cajetan Felder, Bürgermeister Wiens von 1868 bis 1878, ist heute kaum bekannt, aber eminent bedeutsam für die Geschichte der Stadt. Ohne Felder hätte es keine kommunalpolitischen Erfolge Karl Luegers gegeben, auf dessen Leistungen baute Lueger auf. Cajetan Felder ließ die Erste Wiener Hochquellenwasserleitung bauen, baute das neue Rathaus am Ring. Die Tilgung des Andenken Cajetan Felders durch Karl Lueger war erfolgreich, und wir merken es nicht einmal, weil wir uns mit der ewig gleichen Fragestellung – Denkmal ja oder nein? – im Kreis drehen.

Bürgermeister Lueger war nun einerseits erfolgreicher Kommunal- und Sozialpolitiker, hat aber auch den politischen Antisemitismus verstärkt. Soll sein Denkmal entfernt werden?
Lueger war ein begnadeter Populist, auch ein antisemitischer Populist, der dem Personenkult gehuldigt hat – vor allem dem eigenen. Das ändert aber nichts daran, dass er eine relevante historische Erscheinung war. Da der Antisemitismus wieder aufflackert, bedarf es des Bekämpfens. Nur: Mit Denkmalstürmerei beseitigt man nicht das Gedenken, setzt aber das Denken außer Kraft. Daher ist die Cancel Culture ein Irrweg des Tugendterrors.

Was also tun mit Luegers Denkmal?
Diese Frage hat Robert Danneberg auf souveräne Weise bereits am 19. November 1919 in einem Artikel der „Arbeiter-Zeitung“ beantwortet. Dieser bedeutende sozialdemokratische Politiker, der selbst antisemitischen Anwürfen – auch aus den eigenen Reihen – ausgesetzt war, hat formuliert, warum die Bezeichnung eines Ortes in Wien oder ein Denkmal zulässig ist: Lueger war der erste demokratisch gewählte Wiener Bürgermeister, der die Mehrheit der Wiener Bevölkerung hinter sich hatte.

Wir sollten auch nicht vergessen, wann das Lueger-Denkmal aufgestellt wurde:
1926 unter einer sozialdemokratischen Stadtregierung unter dem „roten“ Bürgermeister Karl Seitz.
Umbenannt wurde 1919 aber auch etwas, nämlich der vormalige „Luegerplatz“, in den heutigen „Rathausplatz“. Man stelle sich vor, der traditionelle 1.-Mai-Aufmarsch würde auf dem Lueger-Platz stattfinden, das wäre dann doch zu viel gewesen (lacht).

Soll man eine Tafel anbringen?
Mit einer Tafel wird man kein großes Interesse an einer Auseinandersetzung erzeugen können. Wenn schon, dann eine – vielleicht digitale – Inszenierung, die stehen lässt, was war, aber
die Ambivalenz Luegers gebührend aufzeigt.

Warum glauben Sie, arbeitet man sich so gerne an historischen Persönlichkeiten ab?
Unter dem Anschein der „historischen Fremdkränkung“ entzieht man sich den Herausforderungen von heute. Das ist eine Fluchtbewegung in die Vergangenheit. Nehmen wir die Gründerväter der Vereinigten Staaten: Sie waren Sklavenhalter, das soll man auch so benennen, aufarbeiten, das ist selbstverständlich. Aber heutige Ungleichbehandlung beseitigt man nicht, indem man ihre Denkmäler stürzt. Das ist ein Irrweg.

Wie nun künftig mit Vergangenheitsbewältigung umgehen?
Man sitzt einem Missverständnis auf, wenn man meint, Geschichte „bewältigen“ zu können. Geschichte hat stattgefunden, damit muss man sich auseinandersetzen und daraus vernünftige Lehren ziehen.

Der Umgang mit Geschichte sollte ausgewogen sein, Ereignisse in einen größeren Zusammenhang gestellt werden, eben mit dem Ziel zu verstehen, woher wir kommen und was wir in Zukunft vermeiden müssen.